Blog des Departments Kunstwissenschaften

Kunstgeschichte und künstlerische Praxis im Dialog: Vier Positionen aus der Klasse Hito Steyerl mit Francis Hunger

11. Mai 2026

Eine Kollaboration zwischen dem Kolloquium von Prof. Dr. Čučković Berger und der Klasse Hito Steyerl mit Francis Hunger an der Akademie der Bildenden Künste München

Von Eva Blüml

Im Rahmen der Diplomausstellung 2026 (05. – 10. Februar) an der AdBK München und der laufenden Kollaboration zwischen der Professur für Digitale Kunstgeschichte von Prof. Dr. Čučković Berger (LMU) und dem Studiengang Emergent Digital Media unterstützten vier Mitglieder des Kolloquiums die Absolventinnen und Absolventen der Klasse Hito Steyerl mit kunsthistorischen Begleittexten: Sirui Zhang für Gent Selmanaj, Jonathan Ruyters für Ilinca Fechete, Zakirah Rabaney für Vincent Entekhabi und ich selbst für Anja Lekavski. Zwei dieser Arbeiten wurden im Rahmen der Diplomverleihung mit Preisen ausgezeichnet.

Die vier Arbeiten befragen auf unterschiedliche Weise das Verhältnis von Raum, Geschichte und Macht und die Position des Subjekts im Verhältnis zu diesen konstruierten Ordnungen. Gemeinsam ist allen vier Positionen ein Interesse an Überresten und Spuren an Orten und Systemen, deren politische und historische Schichtungen sichtbar gemacht werden. Die Prozessualität von Weltgestaltung und die dabei wirkenden Kräfte werden mithilfe von Architekturfragmenten, Seifenreliefs, Archivmaterial und digitalen Technologien wie 3D-Druck, Google Street View, Video oder LLM-gestützter Bildgenerierung analysiert.

Gent Selmanaj: Wiedereintritt in die Welt

Im ersten Stock betrat man eine Welt aus Holz, Metall, Lehm, objets trouvés aus dem Abfall der Akademie der Bildenden Künste und dem 3D-Druck eines Unterkörpers. In seiner Installation verhandelt Gent Selmanaj die Spannungen in der Architekturlandschaft seines Geburtsortes Pristina, Kosovo – die sich vom osmanischen Formenrepertoire hin zum sozialistischen Modernismus gewandelt hat und nun von Widersprüchlichkeiten geprägt ist.

Dieser Wiederaufbau einer Welt aus ihren eigenen Trümmern erschließt sich durch die eigene Bewegung im Raum. Der 3D-Druck zweier schreitender Beine überblickt vom höchsten Punkt der Architekturmodelle den Raum und hält die Fragmente durch Position und angedeutete Bewegung konzeptuell zusammen. Sirui Zhang beschreibt die Fragestellung der Installation am Beispiel des Unterkörpers wie folgt:

“While its fragmentary status aligns with other entities in the installation, it faces a fundamental dilemma: it prompts questions of whether it is a fragment of a lost whole, a piece in a state of becoming, or a key to a missing history.“ (Sirui Zhang)

Ausstellungsansicht: Gent Selmanaj, Wiedereintritt in die Welt, Foto: Eva Blüml

Ilinca Fechete: My Culture

Unter dem Dach des Altbaus präsentierte Ilinca Fechete eine Installation aus einem Abdruck und einem Relief in Seife, einer menschenleeren Interpretation von Giotto di Bondones Verkündigung an Anna (1303–1305), Google-Street-View-Aufnahmen rumänischer Straßen sowie einer gepolsterten Tür aus dem Haus ihrer Großeltern.

Räumliche und mathematische Axiome strukturieren und erzeugen den textbasierten Teil ihres Diploms sowie die ausgestellten Werke. Mit ständigen Spiegelungen befragt die Installation, ob solche Konstrukte das Subjektive verdrängen und bedrohen, oder überhaupt erst einen Raum öffnen, in dem es erscheinen kann – Jonathan Ruyters beschreibt, dass es in der Arbeit darum geht,

„im und mit dem Raum die Möglichkeiten, Bedingungen und Ontologien des Abbildens selbst in eine Ordnung zu bringen. Und gleichermaßen darum, bildgebende Verfahren und deren Anordnung wieder ins Bild zu setzen.“

Für ihre Diplomarbeit wurde Fechete mit einer Debütantinnenförderung ausgezeichnet.

Detailansicht: Ilinca Fechete: My Culture, Detail: Abdruck und Relief in Seife, Foto: Eva Blüml

Vincent Entekhabi: CLOSED CIRCLE

Entekhabis Diplomarbeit nutzt Aby Warburgs Modell der Ellipse als Denkfigur für Kräfte im Spannungsverhältnis. In der Alten Aula war auf die Vorder- und Rückseite einer halbelliptischen Leinwand die Zweikanal-Videoinstallation CLOSED CIRCLE projiziert. Eine Seite zeigte ein rotierendes Fadenkreuz-Diagramm mit den Punkten “individual“, “liberty“ und “fear of totality“ das sich im Verlauf des 10’04-Loops von einer “centralized“ zu einer “decentralized economy“ wandelt – angelehnt an Friedrich Hayeks Theorie des Neoliberalismus. Die andere Seite illustriert dieses Modell durch ein digital reproduziertes Oval Office, in dem ein Podium den Schreibtisch des Präsidenten ersetzt. Begleitet von Marschmusik und einem Gesang über Entfremdung und Aufopferung des Individuums beginnt sich das Podium zu verformen, während sich Hände danach ausstrecken.

Zakirah Rabaney beschreibt die Arbeit, die den Preis des Akademievereins gewann, als

“an elliptical and dialectical mode of representing how a decentralized form of freedom is drawn back into the centralized logic and the vicious shape of a closed circle.“ (Zakirah Rabaney)

Ausstellungsansicht: Vincent Entekhabi: CLOSED CIRCLE, Diagramm, Foto: Vincent Entekhabi

Ausstellungsansicht: Vincent Entekhabi: CLOSED CIRCLE, Oval office, Foto: Vincent Entekhabi

Anja Lekavski: Elvis and the Invisible Tourists

Auf drei Monitoren an einem hellblauen Gestell zeigte Anja Lekavski ihre Dreikanal-Videoinstallation Elvis and the Invisible Tourists (2026) im Kolossaal der AdBK. Darin erzählt der Einheimische Elvis Peroš die Geschichte der ehemaligen Militärbasis in Šepurine, Kroatien, indem er den Ort kontextualisiert und die gegenwärtigen und möglichen zukünftigen Nutzungen des Geländes als lokaler Beobachter beschreibt. Diese werden mithilfe von found footage und Reenactment neu auf dem Gelände verortet.

Šepurine wird als Heterotopie dargestellt, in der die dort wirksamen politischen Kräfte offenbart werden: Landnahme, historische Kontinuitäten von Symbolen der Macht und Kontrolle, das Fortbestehen militärischer Strukturen und die Remilitarisierung in Europa, kapitalistische Profitimperative sowie Fragen zum Eigentum an Stätten von historischer Bedeutung. Unterschnitten mit touristisch-gefälligen Aufnahmen der Natur auf dem Gelände fungiert der Film als Träger einer multiperspektivischen Darstellung des Ortes.

Ausstellungsansicht: Anja Lekavski: Elvis and the invisible Tourists, Foto: Pablo Lauf

Zu den Arbeiten:

https://www.adbk.de/de/diplom-26/anja-lekavski.html
https://www.adbk.de/de/diplom-26/gent-selmanaj.html
https://www.adbk.de/de/diplom-26/vincent-entekhabi.html
https://www.adbk.de/de/diplom-26/ilinca-fechete.html

Boris.Cuckovic

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