Blog des Departments Kunstwissenschaften

Lehrprojekt „Kunstgeschichte auf Wikipedia?! Hauptwerke der Staatsgalerie Schleißheim“

14. Juli 2026

Wie lässt sich kunsthistorisches Wissen so vermitteln, dass es über Universität und Museum hinaus öffentlich sichtbar wird? Dieser Frage ging ein Lehrprojekt auf Initiative von Henry Kaap (LMU) und Theresa Gatarski (BStGS) im WS 2025/26 nach.

Wie lässt sich kunsthistorisches Wissen so vermitteln, dass es über Universität und Museum hinaus öffentlich sichtbar wird? Dieser Frage ging im Wintersemester 2025/26 ein Lehrprojekt am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München nach. Ziel des auf Initiative von Henry Kaap (LMU) und Theresa Gatarski (BStGS) durchgeführten Projekts war es, die Bayerischen Staatsgalerien und deren Bestände in den Fokus zu rücken. Um dies zu erreichen, wurden im Rahmen des Seminars „Kunstgeschichte auf Wikipedia?! Hauptwerke der Staatsgalerie Schleißheim“, unter der Leitung von Henry Kaap, durch Studierende der LMU in enger Auseinandersetzung mit den Gemälden der Staatsgalerie Schleißheim Wikipedia-Artikel zu ausgewählten Kunstwerken der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erarbeitet. Im Mittelpunkt standen Malereien, die die historische und künstlerische Bandbreite der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim eindrucksvoll sichtbar machen – darunter Johann Heinrich Schönfelds Ecce Homo, Guido Cagnaccis Schmerzhafte Muttergottes, Francesco Furinis Tod der Rahel, Giovanni Benedetto Castigliones Haustiere und Gerätschaften, Thomas Willeboirts Heiliger Cäcilie oder auch ein Lautenspieler, welcher in der Nachfolge Caravaggios steht. Auch Werkgruppen wie Joachim von Sandrarts Serie der Monatsbilder wurden im Rahmen des Projekts für Wikipedia erschlossen.

Die besondere Qualität des Projekts lag in seiner engen institutionellen Vernetzung. Bereits bei den Besuchen in der Staatsgalerie Schleißheim führten Mirjam Neumeister, Sammlungsdirektorin der Alten Pinakothek, und Theresa Gatarski, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Kunstvermittlung bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die Studierenden an zentrale Werke und ihre Präsentationszusammenhänge heran. Dabei wurde deutlich, dass die ausgewählten Gemälde nicht nur als Einzelobjekte zu betrachten sind, sondern als Bestandteile einer historisch gewachsenen Sammlung, deren Sichtbarkeit wesentlich auch von Vermittlung und Kontextualisierung abhängt.

Beim zweiten Besuch erweiterten Carolin Vogt, leitende Restauratorin der Staatsgalerien, Klaus Grubauer, Verwaltungsvorstand der Schloss- und Gartenverwaltung Schleißheim, und erneut Theresa Gatarski diese Perspektive um konservatorische, räumliche und institutionelle Fragen. Gerade bei Werken wie Pietro Liberis Angelika und Medor oder einer Kopie der Büßenden Magdalena nach Guido Reni wurde so erfahrbar, wie eng kunsthistorische Interpretation, materielle Erhaltung und Präsentation am historischen Ort miteinander verbunden sind. Die Studierenden lernten die Gemälde nicht nur als Themen wissenschaftlicher Beschreibung kennen, sondern auch als Objekte, deren heutige Wahrnehmung das Ergebnis kuratorischer, restauratorischer und denkmalpflegerischer Entscheidungen ist.

Für die Arbeit an Wikipedia selbst war die Zusammenarbeit mit Akteurinnen und Akteuren der digitalen Wissensvermittlung zentral. Yvonne Schweizer von kuwiki (Kunstwissenschaften+Wikipedia) analysierte mit den Teilnehmenden kunsthistorische Beiträge auf Wikipedia und vermittelte, wie sich anspruchsvolle Inhalte in eine präzise und allgemein verständliche Form übersetzen lassen. Dabei war auch das ‚Living Handbook‚ zur Erstellung kunstwissenschaftlicher Beiträge in der Wikipedia eine große Bereicherung. Bei WikiMUC, dem Treffpunkt der Wikipedianerinnen und Wikipedianer in der Münchner Altstadt, führte Max Kristen in das weitere Wikiversum, und im Speziellen in Wikimedia und Wikidata ein; und in der Abschlusssitzung des Seminars setzte Ioanna Papazoglou diesen Dialog fort und half letzte technische Hürden bei der Veröffentlichung der Artikel zu überwinden. Auf diese Weise wurde das Schreiben über frühneuzeitliche Kunstwerke nicht nur als akademische Übung, sondern als Beitrag zu einem kollaborativ entstehenden öffentlichen Wissensraum erfahrbar.

Zusätzliche historische Tiefenschärfe erhielt das Projekt durch weitere Partnerinstitutionen und Forschungsmaterialien. Gabriele Wimböck (LMU München) stellte ein früheres Projekt zur Neuhängung der Galerie im Neuen Schloss Schleißheim vor und half damit, die heutige Präsentation der Gemälde historisch einzuordnen. Im Zentralinstitut für Kunstgeschichte wiederum arbeitete Franziska Lampe mit den Studierenden an Fotodokumenten aus dem Fotoarchiv, die die Forschungsgeschichte und frühere Sichtbarkeit der Werke nachvollziehbar machten. So wurde deutlich, dass ein Wikipedia-Artikel über ein Gemälde nicht allein aus der Betrachtung des einzelnen Bildes entsteht, sondern aus dem Zusammenspiel von Objekt, Archiv, Sammlungsgeschichte und institutioneller Vermittlung.

Eine Gruppe von Studierenden in den Räumen von WikiMUC in München.

Die besondere Qualität des Seminars lag gerade darin, kunsthistorische Forschung mit öffentlicher Wissensvermittlung zu verbinden. Sichtbar wurde, wie produktiv Universität, Museum, Schlösserverwaltung, Forschungsinstitute und Wikipedia-Community zusammenwirken können. Die Studierenden schrieben nicht nur für ein universitäres Seminar, sondern für ein breites Publikum. Daraus gingen Beiträge hervor, die ausgewählte Hauptwerke der Staatsgalerie Schleißheim im digitalen öffentlichen Wissensraum dauerhaft sichtbar machen.

Henry Kaap

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